Glossar · Testmethodik
Screening-Test: Was das Ergebnis aussagt
Ein Screening-Test ist ein orientierendes Verfahren, das einen erhöhten Abklärungsbedarf aufspüren soll. Er trennt vor, wer genauer untersucht werden sollte, und stellt selbst keine Diagnose. Ein Ergebnis bleibt deshalb ein Hinweis und kein Urteil.
Das Wichtigste
- Ein Screening sortiert vor, wer genauer abgeklärt werden sollte. Es ersetzt keine Diagnose.
- Ein auffälliges Ergebnis ist ein Hinweis, kein Beweis. Ein unauffälliges Ergebnis schließt nichts sicher aus.
- Der Grenzwert ist an Instrument, Sprache, Population und Setting gebunden und lässt sich nicht beliebig übertragen.
Was ein Screening ist und was nicht
Der Grundgedanke eines Screenings ist alt und in der Medizin gut beschrieben. Schon die klassischen Grundsätze von Wilson und Jungner, die die Weltgesundheitsorganisation 1968 veröffentlichte, halten fest, dass ein Screening ein orientierender Schritt in einer scheinbar gesunden Gruppe ist. Es soll Menschen finden, bei denen sich eine genauere Untersuchung lohnt. Die eigentliche Einordnung, ob wirklich eine Erkrankung vorliegt, geschieht erst danach.
Für Selbsttests heißt das: Ein Fragebogen kann Anzeichen sammeln und Ihnen zeigen, ob Ihre Antworten in einen auffälligen Bereich fallen. Er kann aber nicht wissen, was dahintersteckt. Beschwerden wie Konzentrationsprobleme, Erschöpfung oder gedrückte Stimmung haben viele mögliche Ursachen. Genau deshalb ist ein Screening ein Anfang und kein Ende.
Ein vereinfachtes Rechenbeispiel
Die folgenden Zahlen sind erfunden und dienen nur der Anschauung. Sie sind kein Studienergebnis. Angenommen, ein Screening nutzt einen Grenzwert und teilt damit eine Gruppe in auffällig und unauffällig. Von 1.000 Personen fallen 150 in den auffälligen Bereich. Das bedeutet nicht, dass 150 Personen erkrankt sind. Es bedeutet nur, dass bei 150 Personen eine genauere Abklärung sinnvoll wäre. Wie viele davon tatsächlich betroffen sind, hängt von der Güte des Tests und davon ab, wie häufig die Erkrankung in dieser Gruppe überhaupt vorkommt.
Verschiebt man den Grenzwert nach unten, fallen mehr Personen in den auffälligen Bereich. Man erwischt dann mehr Betroffene, ordnet aber auch mehr Nichtbetroffene fälschlich als auffällig ein. Verschiebt man ihn nach oben, ist das Gegenteil der Fall. Ein Grenzwert ist deshalb immer ein Kompromiss und keine scharfe Grenze zwischen krank und gesund.
Der Grenzwert (Cutoff)
Der Cutoff ist der Punktwert, ab dem ein Ergebnis als auffällig gilt. Er stammt aus Studien, in denen ein Instrument an einer bestimmten Gruppe geprüft wurde. Das ist wichtig, weil ein Grenzwert an genau diese Bedingungen gebunden ist: an das konkrete Instrument, die Sprache der Fassung, die untersuchte Population und das Setting, teils auch an das Geschlecht. Ein Wert, der in einer Klinikpopulation gut funktioniert, muss in der Allgemeinbevölkerung nicht dieselbe Bedeutung haben. Deshalb übernehmen wir Grenzwerte nur dort, wo das jeweilige Instrument und seine Quelle das tragen, und ordnen sie auf der jeweiligen Testseite ein.
Häufige Verwechslung
Am häufigsten wird ein positives Screening mit einer Diagnose verwechselt. Ein auffälliges Ergebnis heißt nicht, dass eine Erkrankung wahrscheinlich vorliegt, jedenfalls nicht ohne den Blick darauf, wie gut der Test misst und wie häufig die Erkrankung ist. Ebenso wird ein unauffälliges Ergebnis oft als Entwarnung gelesen. Auch das trägt nicht. Ein niedriger Wert macht eine Erkrankung unwahrscheinlicher, schließt sie aber nicht sicher aus, gerade wenn jemand seine Schwierigkeiten gut ausgleicht oder im Selbstbericht schlecht wiedererkennt.
Bedeutung für Selbsttests auf medtests.de
Viele Selbsttests auf medtests.de sind genau in diesem Sinn Screenings. Der Depressions-Test nutzt den PHQ-9, der Angst-Test den GAD-7, der ADHS-Test den ASRS und der Autismus-Test den AQ-10. Bei allen gilt dieselbe Logik: Ein auffälliger Wert ist ein Grund, das Thema ärztlich oder psychotherapeutisch einordnen zu lassen, kein Nachweis. Beim Essstörungs-Test mit dem SCOFF etwa bedeutet ein niedriger Wert ausdrücklich keine Entwarnung, weil bestimmte Muster damit schlechter erfasst werden. Die genaue Auswertung eines Instruments finden Sie jeweils auf der zugehörigen Testseite.
Was der Begriff nicht bedeutet
Ein Screening ist kein diagnostisches Urteil und keine Ausschlussuntersuchung. Es sagt Ihnen nicht, dass Sie eine Erkrankung sicher haben, und es sagt Ihnen auch nicht, dass Sie sicher gesund sind. Sätze wie "über dem Grenzwert sind Sie erkrankt" oder "unter dem Grenzwert ist alles in Ordnung" sind falsch. Ein Selbsttest dient der Orientierung und ersetzt keine ärztliche, psychotherapeutische oder diagnostische Abklärung. Wenn Beschwerden Sie belasten, ist ein Gespräch mit einer Fachperson sinnvoll, unabhängig vom Ergebnis.
Quellen
- Wilson, J. M. G. & Jungner, G. (1968). Principles and Practice of Screening for Disease. WHO Public Health Papers No. 34. Weltgesundheitsorganisation. iris.who.int
- Altman, D. G. & Bland, J. M. (1994). Diagnostic tests 1: sensitivity and specificity. BMJ, 308(6943), 1552. DOI: 10.1136/bmj.308.6943.1552
- American Educational Research Association, American Psychological Association & National Council on Measurement in Education (2014). Standards for Educational and Psychological Testing. apa.org
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