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Extraversion: die Big-Five-Dimension verständlich erklärt
Extraversion beschreibt, woher du Energie ziehst und wie du mit anderen Menschen umgehst. Wer hoch in Extraversion ist, blüht in Gesellschaft auf, sucht Kontakt und spricht Dinge gern direkt an. Wer niedrig liegt, also eher introvertiert ist, tankt in Ruhe auf und fühlt sich in kleinen Runden wohler als in großen. Extraversion ist eine der fünf Grunddimensionen im Big-Five-Modell, dem in der Wissenschaft anerkannten Standard, um Persönlichkeit zu beschreiben (Goldberg 1992). Wichtig gleich vorweg: Es geht nicht um besser oder schlechter. Introversion ist keine Schüchternheit und Extraversion keine Garantie für soziale Kompetenz. Beide Pole haben ihre Stärken, und die meisten Menschen liegen irgendwo dazwischen.
Was Extraversion bedeutet
Extraversion ist ein Kontinuum, kein Entweder-oder. Am oberen Ende steht der extravertierte Pol: viel Kontaktfreude, Energie aus dem Miteinander, gern im Mittelpunkt, schnell im Reden und Handeln. Am unteren Ende steht der introvertierte Pol: ein ruhigeres Tempo, tiefere statt breitere Beziehungen, ein hohes Bedürfnis nach Zeit für sich. Die meisten Menschen sind weder ganz das eine noch das andere, sondern eine Mischung, die je nach Situation kippt. Extraversion sagt vor allem etwas darüber, wie viel äußere Anregung sich für dich gut anfühlt, und wie schnell du von Ruhe zu Reizüberflutung oder von Anregung zu Langeweile wechselst. Der 16-Typen-Code bildet diese Dimension über den ersten Buchstaben ab: E steht für die höhere, I für die niedrigere Ausprägung (McCrae und Costa 1989).
- Oberer Pol: extravertiert (hohe Extraversion)
- Unterer Pol: introvertiert (niedrige Extraversion)
Die zwei Aspekte von Extraversion
Forscher haben unter jeder Big-Five-Dimension zwei feinere Anteile beschrieben, sogenannte Aspekte (DeYoung, Quilty und Peterson 2007). Sie helfen zu verstehen, dass zwei Menschen mit demselben Gesamtwert trotzdem unterschiedlich ticken können.
Begeisterung und Wärme (Enthusiasm)
Der erste Aspekt beschreibt, wie leicht dich Menschen und Erlebnisse mitreißen, wie warm und offen du auf andere zugehst und wie gern du deine Freude teilst. Forscher nennen ihn Enthusiasm (DeYoung, Quilty und Peterson 2007). Er hat viel mit positiver Stimmung und Geselligkeit zu tun.
Hoch: Du freust dich sichtbar über ein Wiedersehen, kommst schnell mit Fremden ins Gespräch und steckst eine Runde mit deiner guten Laune an.
Niedrig: Du zeigst Freude eher leise, brauchst nicht viele Menschen um dich und genießt einen ruhigen Abend zu zweit mehr als eine große Feier.
Durchsetzungsstärke (Assertiveness)
Der zweite Aspekt beschreibt, wie stark du in Gruppen die Führung übernimmst, deine Meinung vertrittst und Dinge aktiv anschiebst. Forscher nennen ihn Assertiveness (DeYoung, Quilty und Peterson 2007). Er hat mit sozialer Dominanz und Antrieb zu tun, weniger mit Wärme.
Hoch: In einer Besprechung ergreifst du das Wort, benennst eine Richtung und ziehst andere mit, ohne lange zu zögern.
Niedrig: Du hältst dich lieber zurück, hörst erst zu und meldest dich, wenn du wirklich etwas beizutragen hast, statt den Ton anzugeben.
Hoch und niedrig im Alltag
Beide Pole zeigen sich im Alltag in ganz konkreten Momenten. Keine dieser Szenen ist ein Urteil, sie sind nur typische Muster. Fast jeder erkennt sich mal auf der einen, mal auf der anderen Seite.
Eher hohe Ausprägung
Bist du hoch in Extraversion, füllt dich ein voller Tag mit Menschen eher auf, als dass er dich leert. Du denkst oft im Reden, triffst Entscheidungen im Gespräch und langweilst dich schnell, wenn zu lange nichts passiert. Auf einer Feier bleibst du gern bis zum Schluss, in der Mittagspause suchst du Gesellschaft, und bei einem Problem greifst du eher zum Telefon als zur schriftlichen Notiz. Deine Herausforderung liegt weniger darin, Kontakt aufzunehmen, als darin, auch mal auszuhalten, wenn es still bleibt, und andere ausreden zu lassen.
Eher niedrige Ausprägung
Bist du niedrig in Extraversion, also eher introvertiert, kostet dich ein Tag voller Termine Kraft, egal wie gern du die Menschen magst. Du denkst lieber erst nach und sprichst dann, brauchst nach viel Kontakt einen ruhigen Ausgleich und fühlst dich in kleinen, vertrauten Runden am wohlsten. Das heißt nicht, dass du menschenscheu bist. Viele introvertierte Menschen sind in ihrem Kreis warm und gesprächig, sie dosieren nur bewusster. Deine Herausforderung liegt eher darin, dich in großen Gruppen rechtzeitig zu zeigen, statt zu warten, bis dich jemand fragt.
Zusammenhang mit Wohlbefinden
In der bislang umfassendsten Zusammenfassung dieser Forschung, einer Meta-Analyse über hunderttausende Menschen, gehört Extraversion neben emotionaler Stabilität und Gewissenhaftigkeit zu den wichtigsten Persönlichkeits-Vorhersagern von Wohlbefinden (Anglim et al. 2020). Höhere Extraversion hängt im Schnitt mit etwas mehr positiver Stimmung und Lebenszufriedenheit zusammen.
Das ist ein Durchschnitt über sehr viele Menschen, keine Vorhersage für dich persönlich. Introvertierte Menschen sind nicht unglücklicher, und viele Wege zu Zufriedenheit haben mit Extraversion gar nichts zu tun. Der Zusammenhang beschreibt eine Tendenz in großen Gruppen, kein Schicksal.
Verändert sich Extraversion im Lebensverlauf?
Persönlichkeit ist nicht in Stein gemeißelt. In einer großen Meta-Analyse über die Lebensspanne verändern sich die zwei Anteile der Extraversion unterschiedlich: Die durchsetzungsnahe Seite (soziale Dominanz) steigt im jungen Erwachsenenalter im Schnitt an, während die gesellig-lebhafte Seite in der Jugend zunimmt und im höheren Alter wieder etwas nachlässt (Roberts, Walton und Viechtbauer 2006). Neuere Übersichtsarbeiten bestätigen dieses Bild von lebenslanger, aber langsamer Veränderung (Bleidorn et al. 2021).
Das sind Durchschnittsverläufe über viele Menschen, keine Garantie für deinen eigenen Weg. Manche verändern sich stark, andere kaum. Wichtig ist nur die Kernbotschaft: Ein Testergebnis mit 20 kann mit 40 anders aussehen.
Verbindung zu den 16 Typen
Die Zuordnung folgt dem ersten Buchstaben des Codes: E-Typen liegen tendenziell höher, I-Typen niedriger. Das ist eine grobe Orientierung, kein exakter Messwert. Wie hoch deine Extraversion wirklich ist, zeigt dir erst der Test mit einem echten Wert statt eines Buchstabens (McCrae und Costa 1989, Pittenger 2005).
Typen mit eher höherer Ausprägung
ENTJ (Kommandeur), ENTP (Debattierer), ENFJ (Protagonist), ENFP (Aktivist), ESTJ (Exekutive), ESFJ (Konsul), ESTP (Unternehmer), ESFP (Entertainer)
Typen mit eher niedrigerer Ausprägung
INTJ (Architekt), INTP (Logiker), INFJ (Advokat), INFP (Mediator), ISTJ (Logistiker), ISFJ (Verteidiger), ISTP (Virtuose), ISFP (Abenteurer)
Häufige Fragen zu Extraversion
Was ist der Unterschied zwischen introvertiert und schüchtern?
Introvertiert heißt, du ziehst Energie eher aus Ruhe als aus Trubel und magst tiefere statt breitere Kontakte. Schüchtern heißt, du hast Angst vor sozialer Bewertung. Das eine ist eine Vorliebe, das andere eine Anspannung. Viele introvertierte Menschen sind überhaupt nicht schüchtern, und manche extravertierten Menschen sind es sehr wohl.
Ist Extraversion angeboren oder anerzogen?
Beides. Persönlichkeitsmerkmale haben eine erbliche Komponente, verschieben sich aber über das Leben mit Rollen und Erfahrungen (Roberts, Walton und Viechtbauer 2006, Bleidorn et al. 2021). Extraversion ist also eine Tendenz, mit der du startest, kein festes Urteil.
Kann man extravertierter werden?
Verhalten lässt sich üben, etwa aktiv das Wort zu ergreifen oder auf Menschen zuzugehen. Die tiefe Vorliebe ändert sich meist nur langsam. Realistisch ist, dein Verhalten in wichtigen Situationen zu erweitern, ohne deinen Grundtyp umkrempeln zu müssen.
Welcher Big-Five-Buchstabe steht für Extraversion im 16-Typen-Code?
Der erste. E steht für die höhere Ausprägung, I für die niedrigere (McCrae und Costa 1989). Die anderen drei Buchstaben bilden Offenheit, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit ab. Die fünfte Dimension, emotionale Stabilität, steckt nicht im Code.
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Quellen
- Goldberg LR. The Development of Markers for the Big-Five Factor Structure. Psychological Assessment. 1992;4(1):26-42.
- McCrae RR, Costa PT. Reinterpreting the Myers-Briggs Type Indicator From the Perspective of the Five-Factor Model. Journal of Personality. 1989;57(1):17-40.
- Pittenger DJ. Cautionary Comments Regarding the Myers-Briggs Type Indicator. Consulting Psychology Journal. 2005;57(3):210-221.
- Anglim J, Horwood S, Smillie LD, Marrero RJ, Wood JK. Predicting psychological and subjective well-being from personality: A meta-analysis. Psychological Bulletin. 2020;146(4):279-323.
- DeYoung CG, Quilty LC, Peterson JB. Between facets and domains: 10 aspects of the Big Five. Journal of Personality and Social Psychology. 2007;93(5):880-896.
- Roberts BW, Walton KE, Viechtbauer W. Patterns of mean-level change in personality traits across the life course: A meta-analysis of longitudinal studies. Psychological Bulletin. 2006;132(1):1-25.
- Bleidorn W, Hopwood CJ, Back MD, et al. Personality Trait Stability and Change. Personality Science. 2021;2:e6009.