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Offenheit für Erfahrungen: die Big-Five-Dimension verständlich erklärt
Offenheit für Erfahrungen beschreibt, wie sehr dich Neues, Ideen und Fantasie anziehen. Der englische Fachbegriff ist Openness. Wer hoch in Offenheit ist, liebt Abwechslung, denkt gern in Möglichkeiten und probiert Ungewohntes aus. Wer niedrig liegt, schätzt Vertrautes, Bewährtes und das Konkrete mehr als das Abstrakte. Offenheit ist eine der fünf Big-Five-Grunddimensionen (Goldberg 1992). Wichtig gleich vorweg: Hohe Offenheit ist nicht dasselbe wie Intelligenz. Sie beschreibt eine Vorliebe für Neues und Ideen, nicht deine geistige Leistungsfähigkeit. Und niedrige Offenheit ist keine Engstirnigkeit, sondern oft ein gesunder Sinn fürs Praktische und Erprobte.
Was Offenheit für Erfahrungen bedeutet
Offenheit ist ein Kontinuum. Am oberen Ende stehen Neugier, Fantasie, ein Faible für Kunst und Ideen und die Lust, Gewohntes zu hinterfragen. Am unteren Ende stehen ein Sinn fürs Handfeste, Vorliebe für Bewährtes und Skepsis gegenüber allzu Abstraktem. Die meisten Menschen liegen dazwischen: offen in manchen Bereichen, bodenständig in anderen. Die Dimension sagt vor allem etwas darüber, wie stark dich Ideen, Ästhetik und ungewohnte Perspektiven reizen und wie leicht dir Veränderung fällt. Im 16-Typen-Code steckt Offenheit im zweiten Buchstaben: N steht für die höhere, S für die niedrigere Ausprägung (McCrae und Costa 1989).
- Oberer Pol: hohe Offenheit (neugierig, ideenreich)
- Unterer Pol: niedrige Offenheit (praktisch, bodenständig)
Die zwei Aspekte von Offenheit für Erfahrungen
Forscher haben unter jeder Big-Five-Dimension zwei feinere Anteile beschrieben, sogenannte Aspekte (DeYoung, Quilty und Peterson 2007). Sie helfen zu verstehen, dass zwei Menschen mit demselben Gesamtwert trotzdem unterschiedlich ticken können.
Sinn für Erleben und Ästhetik (Openness)
Der erste Aspekt beschreibt, wie stark dich Kunst, Schönheit, Fantasie und intensives Erleben ansprechen. Forscher nennen ihn im engeren Sinne Openness (DeYoung, Quilty und Peterson 2007). Er hat mit Vorstellungskraft und ästhetischer Empfindsamkeit zu tun.
Hoch: Musik, ein Bild oder eine Landschaft können dich tief berühren, und du verlierst dich gern in Fantasie und Tagträumen.
Niedrig: Du bist eher praktisch veranlagt, brauchst weniger ästhetische Reize und stehst mit beiden Beinen im Konkreten.
Interesse an Ideen (Intellect)
Der zweite Aspekt beschreibt, wie gern du dich mit abstrakten Ideen, Denkspielen und komplexen Zusammenhängen beschäftigst. Forscher nennen ihn Intellect (DeYoung, Quilty und Peterson 2007). Achtung: Das meint Interesse an Ideen, nicht gemessene Intelligenz.
Hoch: Du grübelst gern über abstrakte Fragen, diskutierst Theorien und suchst nach dem Muster hinter den Dingen.
Niedrig: Du hältst dich lieber an das, was sich in der Praxis bewährt, und findest lange theoretische Debatten eher ermüdend.
Hoch und niedrig im Alltag
Offenheit zeigt sich in dem, was dich reizt und was dich langweilt. Die folgenden Szenen sind typische Muster, kein Urteil.
Eher hohe Ausprägung
Bist du hoch in Offenheit, suchst du Abwechslung. Du reist gern an unbekannte Orte, probierst neue Rezepte, wechselst mal die Methode und hinterfragst, warum etwas so gemacht wird, wie es gemacht wird. Ideen und Gespräche über das große Ganze geben dir Energie. Deine Herausforderung liegt darin, dich nicht in zu vielen Möglichkeiten zu verlieren und Angefangenes auch abzuschließen, bevor der nächste spannende Gedanke lockt.
Eher niedrige Ausprägung
Bist du niedrig in Offenheit, schätzt du Verlässlichkeit und Bewährtes. Du hast deine erprobten Wege, magst klare Antworten mehr als offene Fragen und findest im Vertrauten Ruhe statt Langeweile. Das ist eine echte Stärke überall dort, wo Beständigkeit und Praxisnähe zählen. Deine Herausforderung liegt darin, dich Neuem nicht von vornherein zu verschließen, wenn eine ungewohnte Idee sich am Ende doch als nützlich erweisen könnte.
Zusammenhang mit Wohlbefinden
In der großen Meta-Analyse zu Persönlichkeit und Wohlbefinden hat Offenheit den schwächsten Zusammenhang mit Wohlbefinden von allen fünf Dimensionen (Anglim et al. 2020). Neugier und Ideenreichtum machen also im Schnitt weder deutlich glücklicher noch unglücklicher. Andere Dimensionen wie emotionale Stabilität wiegen hier viel schwerer.
Das ist ein Durchschnitt über sehr viele Menschen. Für einzelne Personen kann Offenheit sehr wohl eine Quelle von Sinn und Freude sein, etwa über Kunst, Lernen oder Reisen. Aus der schwachen Gruppentendenz folgt nichts für dich persönlich.
Verändert sich Offenheit für Erfahrungen im Lebensverlauf?
Offenheit verändert sich über das Leben in einem sanften Bogen. In der großen Lebensspannen-Meta-Analyse steigt sie in der Jugend und im jungen Erwachsenenalter, bleibt lange recht stabil und lässt im höheren Alter im Schnitt wieder etwas nach (Roberts, Walton und Viechtbauer 2006). Neuere Übersichtsarbeiten bestätigen dieses Bild (Bleidorn et al. 2021).
Das sind Durchschnittsverläufe, keine Vorhersage für eine einzelne Person. Manche bleiben bis ins hohe Alter sehr neugierig. Dein heutiges Ergebnis ist eine Momentaufnahme.
Verbindung zu den 16 Typen
Die Zuordnung folgt dem zweiten Buchstaben: N-Typen liegen tendenziell höher in Offenheit, S-Typen niedriger. Das ist eine grobe Orientierung. Ein hoher N-Wert bedeutet nicht schlauer, ein niedriger S-Wert nicht fantasielos. Den echten Wert zeigt erst der Test (McCrae und Costa 1989, Pittenger 2005).
Typen mit eher höherer Ausprägung
INTJ (Architekt), INTP (Logiker), ENTJ (Kommandeur), ENTP (Debattierer), INFJ (Advokat), INFP (Mediator), ENFJ (Protagonist), ENFP (Aktivist)
Typen mit eher niedrigerer Ausprägung
ISTJ (Logistiker), ISFJ (Verteidiger), ESTJ (Exekutive), ESFJ (Konsul), ISTP (Virtuose), ISFP (Abenteurer), ESTP (Unternehmer), ESFP (Entertainer)
Häufige Fragen zu Offenheit für Erfahrungen
Bedeutet hohe Offenheit, dass jemand intelligenter ist?
Nein. Offenheit beschreibt die Vorliebe für Neues, Ideen und Ästhetik, nicht die gemessene Intelligenz. Der zweite Aspekt heißt zwar Intellect, meint aber das Interesse an Ideen, nicht die geistige Leistungsfähigkeit. Beides hängt nur locker zusammen.
Heißt Openness auf Deutsch Offenheit?
Ja. Openness beziehungsweise Openness to Experience ist der englische Fachbegriff, Offenheit für Erfahrungen die deutsche Übersetzung. Gemeint ist die Big-Five-Dimension rund um Neugier, Fantasie, Ästhetik und Interesse an Ideen.
Ist niedrige Offenheit etwas Schlechtes?
Nein. Niedrige Offenheit heißt praktisch, bodenständig und an Bewährtem orientiert. Das ist überall dort eine Stärke, wo Verlässlichkeit und Praxisnähe zählen. Es ist ein Stil, keine Bewertung.
Welche zwei Aspekte hat Offenheit?
Sinn für Erleben und Ästhetik sowie Interesse an Ideen (Openness und Intellect nach DeYoung, Quilty und Peterson 2007). Der eine dreht sich um Kunst und Vorstellungskraft, der andere um abstraktes Denken. Man kann in einem hoch und im anderen eher mittel sein.
Alle Big-Five-Dimensionen
Quellen
- Goldberg LR. The Development of Markers for the Big-Five Factor Structure. Psychological Assessment. 1992;4(1):26-42.
- McCrae RR, Costa PT. Reinterpreting the Myers-Briggs Type Indicator From the Perspective of the Five-Factor Model. Journal of Personality. 1989;57(1):17-40.
- Pittenger DJ. Cautionary Comments Regarding the Myers-Briggs Type Indicator. Consulting Psychology Journal. 2005;57(3):210-221.
- Anglim J, Horwood S, Smillie LD, Marrero RJ, Wood JK. Predicting psychological and subjective well-being from personality: A meta-analysis. Psychological Bulletin. 2020;146(4):279-323.
- DeYoung CG, Quilty LC, Peterson JB. Between facets and domains: 10 aspects of the Big Five. Journal of Personality and Social Psychology. 2007;93(5):880-896.
- Roberts BW, Walton KE, Viechtbauer W. Patterns of mean-level change in personality traits across the life course: A meta-analysis of longitudinal studies. Psychological Bulletin. 2006;132(1):1-25.
- Bleidorn W, Hopwood CJ, Back MD, et al. Personality Trait Stability and Change. Personality Science. 2021;2:e6009.