Wissen · Laborwerte
Kreatininwert: was er über die Nierenfunktion sagt
Kreatinin ist ein Abbauprodukt aus dem Muskelstoffwechsel, das die Nieren aus dem Blut filtern. Der Wert im Serum gehört zu den häufigsten Laborparametern überhaupt und dient als Standardgröße für die Nierenfunktion. Wie viel er im Einzelfall aussagt, hängt stark von der Muskelmasse ab, deshalb steht neben dem Kreatinin fast immer die geschätzte Filtrationsrate eGFR.
Das Wichtigste
- Kreatinin fällt im Muskelstoffwechsel an und wird über die Nieren ausgeschieden.
- Der Wert hängt stark von der Muskelmasse ab, deshalb ist die daraus geschätzte eGFR aussagekräftiger.
- Ein Wert im oberen Normbereich kann bereits zu einer eingeschränkten Filterleistung gehören, weil Kreatinin spät reagiert. Der Verlauf zählt.
Was Kreatinin ist
In der Muskulatur dienen Kreatin und Kreatinphosphat als kurzfristiger Energiespeicher. Beim Umsatz dieses Speichers entsteht fortlaufend Kreatinin, ein Endprodukt, mit dem der Körper nichts mehr anfangen kann. Es gelangt ins Blut und wird ganz überwiegend durch Filtration in den Nierenkörperchen ausgeschieden, ein kleinerer Teil über die Nierenkanälchen.
Die Menge, die täglich anfällt, bleibt bei einer Person über Wochen relativ konstant, solange sich Muskelmasse und Ernährung nicht stark ändern. Daraus ergibt sich der diagnostische Nutzen. Steigt die Konzentration im Blut, ohne dass mehr Kreatinin produziert wird, dann filtern die Nieren weniger. Gemessen wird üblicherweise das Serum-Kreatinin aus einer normalen Blutabnahme.
Welcher Bereich als Orientierung gilt
Die folgenden Angaben sind typische Erwachsenenbereiche und keine festen Grenzen. Labore arbeiten mit unterschiedlichen Messmethoden und geben deshalb unterschiedliche Referenzbereiche an. Für Kinder und Jugendliche gelten eigene, altersabhängige Werte.
| Orientierungsbereich | Was dabei mitspielt | |
|---|---|---|
| Kreatinin im Serum | ca. 0,57 bis 1,11 mg/dl | Frauen liegen im Mittel niedriger als Männer, weil die Muskelmasse geringer ist |
| Kreatinin in SI-Einheiten | ca. 50 bis 98 µmol/l | Umrechnung von mg/dl mit dem Faktor 88,42 |
| eGFR (geschätzte Filtrationsrate) | über 90 ml/min/1,73 m² | entspricht der KDIGO-Kategorie G1, nimmt mit dem Alter auch ohne Erkrankung ab |
Ein Wert knapp außerhalb des angegebenen Bereichs ist noch kein Befund, und ein Wert innerhalb des Bereichs beantwortet die Frage nach der Nierenfunktion nicht allein. Beides wird erst zusammen mit der eGFR, mit Vorbefunden und mit den Urinwerten beurteilt.
Warum die eGFR mehr aussagt als das Kreatinin allein
Das Kreatinin im Blut ist eine Konzentration, keine Leistungsangabe. Wie viel Filterleistung hinter einer bestimmten Konzentration steckt, hängt davon ab, wie viel Kreatinin überhaupt produziert wird, und das richtet sich vor allem nach der Muskelmasse. Ein sehr muskulöser Mann von 30 Jahren kann mit 1,15 mg/dl eine völlig normale Filtration haben. Eine zierliche Frau von 78 Jahren kann mit 1,00 mg/dl bereits deutlich eingeschränkt sein.
Die eGFR schätzt aus dem Kreatinin die glomeruläre Filtrationsrate in ml/min/1,73 m². Die heute übliche Formel CKD-EPI 2021 rechnet dafür Alter und Geschlecht mit ein und ist die aktuelle Fassung, die Fachgesellschaften empfehlen. Mehr als diese drei Angaben braucht sie nicht. Zuverlässig ist die Schätzung bei sehr hoher oder sehr niedriger Muskelmasse, bei starkem Gewichtsverlust und bei schwerer Lebererkrankung weiterhin begrenzt. In solchen Fällen wird zusätzlich Cystatin C bestimmt, ein Marker, der nicht an der Muskelmasse hängt.
Erhöhter Kreatininwert: häufige Gründe zuerst
Ein einmalig erhöhter Wert hat oft mit den Stunden und Tagen vor der Blutabnahme zu tun. Diese Gründe sind häufig und meist unproblematisch.
- Flüssigkeitsmangel, etwa bei nüchterner Blutabnahme nach einem heißen Tag oder nach starkem Schwitzen.
- Intensives Krafttraining in den Tagen davor, weil dabei mehr Kreatinin anfällt.
- Eine große Portion gekochtes Fleisch am Vortag, die Kreatinin direkt zuführt.
- Überdurchschnittlich viel Muskelmasse, dauerhaft und ohne Krankheitswert.
- Kreatin als Sportsupplement.
Bleibt der Wert bei einer Kontrolle erhöht, oder ist die eGFR mitgesunken, rücken andere Ursachen in den Vordergrund. Diabetes mellitus und Bluthochdruck sind die häufigsten Auslöser einer chronischen Nierenerkrankung. Medikamente spielen ebenfalls eine Rolle, etwa Schmerzmittel aus der Gruppe der NSAR, entwässernde Mittel, ACE-Hemmer und Sartane oder bestimmte Antibiotika. Einige Wirkstoffe heben das gemessene Kreatinin sogar, ohne die Filterleistung zu verändern, weil sie seine Ausscheidung in den Nierenkanälchen blockieren. Dazu kommen akute Auslöser wie starkes Erbrechen, Durchfall, ein Infekt oder eine Abflussstörung des Harns durch Steine oder eine vergrößerte Prostata. Welche Erklärung zutrifft, klärt die behandelnde Praxis mit einer Kontrolle, dem Urin und der Medikamentenliste.
Niedriger Kreatininwert
Ein Wert unterhalb des Referenzbereichs entsteht meistens dadurch, dass wenig Kreatinin produziert wird. Typisch sind ein zierlicher Körperbau und generell wenig Muskelmasse, höheres Alter, eine Schwangerschaft mit gesteigerter Filtration und größerem Plasmavolumen, längere Bettlägerigkeit oder Immobilität sowie ein deutlicher Muskelabbau nach schwerer Krankheit. Auch eine fortgeschrittene Lebererkrankung senkt den Wert, weil dort weniger Kreatin gebildet wird.
Über die Nierenfunktion sagt ein niedriges Kreatinin wenig. Bedeutsamer ist der umgekehrte Fall. Wer sehr wenig Muskelmasse hat, kann trotz eingeschränkter Filterleistung ein Kreatinin im Normbereich haben. Genau deshalb wird in dieser Gruppe die eGFR herangezogen, bei Unklarheit zusätzlich Cystatin C.
Ein Wert im oberen Normbereich ist keine Entwarnung
Kreatinin reagiert spät. Solange die noch funktionsfähigen Anteile der Niere die Filtration mitübernehmen, bleibt die Konzentration im Blut lange innerhalb des Referenzbereichs. Erst wenn ein größerer Teil der Filterleistung verloren ist, verlässt der Wert diesen Bereich. Dieser Abschnitt wird kreatininblinder Bereich genannt. Ein Kreatinin am oberen Rand kann also zu einer normalen Nierenfunktion gehören oder zu einer bereits eingeschränkten.
Aussagekräftig wird die Zahl im Verlauf. Ein Anstieg von 0,70 auf 1,05 mg/dl über zwei Jahre liegt rechnerisch die ganze Zeit im Normbereich und ist trotzdem ein Signal, dem man nachgeht. Ein einzelner Wert von 1,15 mg/dl bei einem Menschen, dessen Kreatinin immer dort lag, ist es unter Umständen nicht. Deshalb lohnt es sich, alte Laborbefunde zum Termin mitzunehmen. Eine chronische Nierenerkrankung verläuft in den frühen Stadien ohne Beschwerden, Albumin im Urin fällt dabei oft früher auf als das Kreatinin.
Wann eine ärztliche Abklärung ansteht
Die Bewertung eines Laborwerts gehört in die Praxis, die den Befund veranlasst hat. Diese Punkte sprechen dafür, dort aktiv nachzufragen.
- Das Kreatinin liegt außerhalb des Bereichs, der auf dem eigenen Befund angegeben ist.
- Die eGFR liegt unter 60 ml/min/1,73 m² oder ist gegenüber früheren Befunden gefallen.
- Im Urin findet sich Albumin oder Eiweiß, auch in kleinen Mengen.
- Es bestehen Diabetes, Bluthochdruck, eine bekannte Nierenerkrankung in der Familie oder eine Dauermedikation, die die Nieren belastet.
- Wassereinlagerungen, schaumiger Urin, Blut im Urin, deutlich veränderte Urinmengen oder ein neu erhöhter Blutdruck.
Ein rasch steigendes Kreatinin zusammen mit kaum Urinausscheidung, Übelkeit, Verwirrtheit oder Luftnot ist ein Grund für eine sofortige ärztliche Vorstellung. Wer regelmäßig NSAR nimmt oder eine neue Dauermedikation begonnen hat, bespricht die Kontrolle des Kreatinins am besten direkt beim nächsten Termin.
Quellen
- Inker, L. A., Eneanya, N. D., Coresh, J., et al. (2021). New Creatinine- and Cystatin C-Based Equations to Estimate GFR without Race. New England Journal of Medicine, 385(19), 1737 bis 1749. DOI: 10.1056/NEJMoa2102953
- KDIGO (2024). Clinical Practice Guideline for the Evaluation and Management of Chronic Kidney Disease. Kidney International Supplements. kdigo.org
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